Lupen raus!
Carl-Josef Kutzbach
Samstag, 10. Januar 2026
 
Wer einkaufen geht, oder eine Reise macht, der braucht eigentlich fast immer eine Lupe. Die Smart-Phone-Hersteller haben bereits reagiert und benutzen die eingebaute Kamera als Hilfslupe. Auch manche Läden haben an ihren Einkaufswägen Lupen installierte. Warum wohl?
Angefangen hat das Elend mit dem Ende des Bleisatzes, der durch den Lichtsatz ersetzt wurde. Damit konnte man Schriften immer kleiner machen, auch, wenn man sie dann mit bloßem Auge kaum noch lesen kann.
Dummer Weise wurden zugleich die Menschen immer älter. In Baden-Württemberg liegt das Durchschnittsalter über 42 Jahren. Das ist ein Alter, in dem viele wegen der nachlassenden Elastizität des Auges eine Brille benötigen. Und zwar fast die Hälfte der Bevölkerung!
Ungefähr zur selben Zeit forderte der Gesetzgeber, dass immer mehr Informationen auf den Erzeugnissen stehen müssen, weil angeblich clevere Geschäftemacher die Verbraucher herein legten, indem sie minderwertige Waren als hochwertig anpriesen. Damit wurde Einkaufen zu einer Lesestunde, für die man eine Brille mitnehmen sollte, wenn man älter ist. Oder eben gleich, die schon erwähnte Lupe. Denn die Hersteller quetschten nun die vorgeschriebenen Informationen so zusammen, dass sie selbst auf kleinen Produkten noch drauf stehen, wenn sie auch nur noch mit großer Mühe lesbar sind. So wollen die "Schwarzen Schafe" dem Gesetzgeber und den Verbrauchern weiß machen, dass sie keine wären.
Beim Reisen ist es vor Allem die Deutsche Bahn, ihre Fahrpläne erst immer kleiner machte, dann klagte, dass niemand sie mehr benutze und deswegen abschaffen wollte. Nachdem dagegen Protest laut wurde, erklärte sie, dass sich die Fahrpläne so oft änderten ( oder wegen Verspätungen falsch seien ), dass ihre Veröffentlichung keinen Sinn mehr mache. Kurz darauf kam die Kehrtwende und die Fahrpläne erschienen wieder in der ursprünglich geplanten Größe, die die Schaukästen füllt. Und zwar Ankunft und Abfahrtszeiten! Doch mittlerweile scheint ein Sparfuchs - vermutlich jung und mit guten Augen - am Werk zu sein, denn die Abfahrten wurden auf zwei kleinere Formate verteilt und die Ankünfte verschwanden ( Vielleicht weil niemand mehr versucht Reisenden am Zug abzuholen, weil man immer seltener weiß, ob sie den Zug erreichten, den sie nehmen wollten, ob der ausfiel, oder "nur" erheblich verspätet ist. ). Wer jetzt gehofft hatte, dass wenigstens die Abfahrten so groß gedruckt würden, dass man sie ohne Brille oder Lupe lesen könnte, wird enttäuscht. Es wird am Papier gespart, obwohl die Schaukästen für größere Plakate gestaltet wurden. Auch hier sind Brille oder Lupe wieder dringend benötigte Reisebegleiter geworden, zumal an vielen Bahnhöfen keine Mitarbeiter mehr sind, die man fragen könnte.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Platz für größere Plakate und größere Schriften wurde ja vorgesehen, wie die Schaukästen zeigen.
Was würde eigentlich geschehen, wenn die Kunden im Supermarkt mit dem zu klein Gedruckten an die Kasse gingen oder zu einem Mitarbeiter und es sich vorlesen ließen? Ob sie es dann kaufen, bliebe ihnen überlassen. Aber für die Geschäfte wären solche aufmüpfigen Rentner eine Katastrophe, vor Allem weil die vielen Mitarbeiter mit fremdsprachigen Wurzeln sicherlich ebenfalls nicht alles verstünden, was da im Kleinstgedruckten steht. Das ginge uns im Ausland genau so, vor allem bei Fachbegriffen hinter denen manche Hersteller Minderwertiges zu verbergen suchen.
Wenn diese Spielchen weiter gehen, wird der Gesetzgeber verlangen, dass die Informationen "in einfacher Sprache" verfasst sein müssen, was entweder noch mehr Platz erfordert, oder Wichtiges durch Weglassen einspart. Dabei ist eigentlich längst alles klar: "Klare Rede, klarer Sinn!" sagt das Sprichwort. Aber bis sich das durchsetzt, dauert es noch Jahrzehnte, denn dazu müsste mancher Anbieter ein Drittel seines Angebotes entfernen, weil es ungesund ist. Nur dem Kunden will man das natürlich nicht so deutlich sagen. Der soll es ja trotzdem kaufen! Also braucht der Kunde mehr Zeit, eine Brille oder eine Lupe, um den "Schwarzen Schafen" auf die Schliche zu kommen.
 
 
Das Bild oben zeigt medizinische Salben. Die Wäscheklammer dient dem Größenvergleich.